Wohnung ist ein Menschenrecht – eigentlich. Warum das in der Realität anders aussieht, schildern die beiden Autorinnen Petra Metzger und Christiane Niesel in ihrem Buch „Frauen zwischen Straße und Strafe“. Der Untertitel lautet: „Wenn Freiheit Obdachlosigkeit bedeutet“, denn es gibt viele Fälle, in denen Obdachlose wegen teils geringfügiger Vergehen inhaftiert und danach wieder ohne Wohnsitz entlassen werden. Petra Metzger hat für diese Publikation viele Fakten recherchiert, von denen einige allgemein sind und andere spezifisch für Köln. Sie geben einen hervorragenden Überblick über die Lage. Christiane Niesel hat Frauen interviewt, die verarmt, obdachlos und süchtig sind (oder waren). Sie haben teilweise lange Inhaftierungen wegen Straftaten hinter sich oder wurden einfach nur eingesperrt, weil sie ihre Schulden nicht bezahlen konnten. Die Idee, zwischen Fakten und Fallbeispielen zu wechseln, ist ungemein gut gelungen. Hans Mörtter hat mit seinem Verein „Hans sucht das Glück“ dieses beachtenswerte Projekt mit 2.100,-- € mitfinanziert. Hier geben wir eine kleine Übersicht über das inhaltsreiche und engagierte Buch.
Unerwünscht
Petra Metzger beginnt mit einem „Blick in die Geschichte“. Bis zur Frühen Neuzeit wurden die Armen „durch fromme Stiftungen der reichen Bürger und christliche Almosen versorgt.“ (S. 12). Danach wurden Armut und ihre Folgen als selbstverschuldet angesehen und die Obdachlosen aus den Ortskernen entfernt. Während des Dritten Reiches wurden sie interniert, schon 1933 wurde das erste Konzentrationslager für Bettler errichtet. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren sie auch nicht geduldet, erst von 1968 an humanisierte sich der Strafvollzug, denn durch die Not kommt es bei Obdachlosen immer wieder zu Armutsdelikten, wie Ladendiebstahl und Schwarzfahren, (letzteres wurde bis 2024 mit Haftstrafen belegt). Nach dieser Zeit der Verbesserungen stehen heute einem angemessenen Umgang, insbesondere mit der Personengruppe der obdachlosen und suchtkranken Frauen, leere Staats- und Stadtkassen sowie die eskalierende Wohnungsnot im Wege.
Die Rechtslage: „Deutschland hat sich durch menschenrechtliche Verträge verpflichtet, allen Menschen das Recht auf Wohnen... zu gewährleisten“, Art. 1 Abs. 1 GG iVm Art. 20 GG. (Claudia Engelmann, Deutsches Institut für Menschenrechte) (S. 25)
Die Realität: Das Gegenteil sehen wir zunehmend im Stadtbild.
Wohnen macht arm
Es sind vor allem die Wohnkosten, die arm machen und oft die Obdachlosigkeit der Menschen durch Mietschulden verursacht. Dabei muss man zwischen wohnungslos und obdachlos unterscheiden, denn der größte Teil der Wohnungslosen findet Unterkunft in Einrichtungen, bei Verwandten oder Freunden. Berichtet Metzger noch von 262.600 Wohnungslosen in Deutschland laut einer Studie vom Dezember 2022 (S. 25), sind seitdem die Zahlen sprunghaft angestiegen. (Heute sind es 1.029.000 Menschen, von denen 80 % Migranten sind. Studie des BAG Wohnungslosenhilfe e. V.) In Köln stehen gleichzeitig rund 14.000 Wohnungen leer (S. 29), und NRW hat mit 122.170 Wohnungslosen einen Höchststand erreicht, wobei Personen über 65 Jahre zu den Hauptbetroffenen gehören und in diesem Personenkreis erstmals Frauen die größte Gruppe bilden (S. 30). Hinzu kommt, dass allein in Köln ungefähr 3000 Kinder kein richtiges Zuhause haben (S. 40).
Gesundheitliche Folgen
Das statistische Bundesamt fand im Jahr 2023 heraus, dass in Deutschland rund 14,2 Millionen Menschen von erhöhten Krankheitsrisiken durch Armut betroffen sind (S. 82). Die Lebenserwartung ist bei in Armut Geborenen fünf bis zehn Jahre geringer, bei Altersarmut stellte man zwischen drei und fünf Jahren fest. „Oft tragen psychische Erkrankungen zum Wohnungsverlust bei; nicht selten kommen mehrere Krankheitsbilder zusammen: Angststörungen, Traumafolgen, Sozialphobie, Depressionen, Persönlichkeitsstörung, Suizidgedanken und sehr häufig spielen Suchterkrankungen eine Rolle“ (S. 83). Bei Obdachlosen ist das Sterbealter niederschmetternd, sie werden durchschnittlich keine 50 Jahre alt und liegen damit circa 30 Jahre unter dem Durchschnitt von Menschen mit Wohnung. Da ist es nur ein kleiner Trost, dass sie in Köln nicht automatisch
anonym beigesetzt werden, auf dem Südfriedhof wurden mit Spendenmitteln zwei Grabfelder erstanden, auf denen die Urnengrabstätte namentlich gekennzeichnet ist (S. 89).
Der Einfluss von Drogen
In Deutschland gelten Alkoholismus und andere Süchte erst seit 1968 als Krankheit, was erst spät anhand von hirnorganischen Untersuchungen und neuronalen Veränderungen nachgewiesen wurde. Metzger schildert auch hier die geschichtliche Entwicklung, die Anfang der 1980er Jahre eine erfreuliche Entwicklung nahm. „Therapie statt Strafe“ war eine Möglichkeit, aus dem Gefängnis herauszukommen (S. 93) und der Erfolg ist eindeutig, es „werden rund 30 – 40 % der Menschen, die an einer substitutionsgestützten Therapie teilnehmen wieder berufsfähig“ (S. 94). Doch das Aufkommen von synthetischen Drogen, die verheerend in ihrer Wirkung sind, ist beunruhigend. Die Zahl der Drogentoten lag im Jahr 2023 bei 2.227 in Deutschland.
Einblicke in den Strafvollzug
Der überwiegende Teil der inhaftierten Frauen - im Jahr 2023 waren es 702 - beging Bagatelldelikte wie einfachen Diebstahl oder Betrug, die meistens im Zusammenhang mit Armut oder Drogenbeschaffung standen (S. 126 f). Die unselige Kriminalisierung von Schwarzfahrern ist seit 2024 vom Tisch. Wer die Geldstrafe nicht bezahlen kann, kann sie absitzen. Von den 550.000 Personen, die wegen geringfügiger Vergehen zu Geldstrafen verurteilt werden, sind rund 10 % einkommenslos. Der finanzielle Aufwand, die Verarmten einzusperren, liegt bei 114 Millionen €. Ein Tag Haft kostet den Staat ungefähr 160 €. (S. 128). Die Autorinnen listen 15 Vorschläge zur Verbesserung auf, darunter alternative Strafkonzepte, die Verhinderung von Altersarmut und eine Anpassung der Rahmenbedingungen für Bauen und Wohnen (S. 159ff). Die Ideen und Konzepte liegen vor.
In dem Kapitel „Ansprüche an den Strafvollzug“ geht Metzger auf viele Dilemmata und verpasste Chancen ein. Schwangere Frauen haben einen extrem schweren Stand, andere sind Misshandlungen und sexuellen Übergriffen ausgesetzt. Insgesamt ist von „Armutsverwaltung“ die Rede (S. 143). „Nicht wenige dieser Inhaftierten sind zusätzlich obdachlos und bewegen sich zwischen Straße und Strafen. Im Prinzip sind Gefängnisburgen unsere Armenhäuser für Suchtkranke“ (S. 165). Die Interviews von Christiane Niesel mit betroffenen Frauen geben einen unmittelbaren Einblick in das Leben auf der Straße und in der Haft. Einige Aussagen sind erschütternd, aber in den Befragten ist immer noch ein Funke Hoffnung lebendig.
Ausschnitte aus den Interviews mit den Betroffenen
Rose, 24 Jahre: „Ich bin dankbar, dass wir hier in der Notschlafstelle manchmal Platz haben. Aber was ist mir wünsche, ist ein Leben in Normalität“ (S. 54)
Mine, 42 Jahre: „Ich würde alles dafür geben, dass die Obdachlosigkeit abgeschafft wird, dass Hotels beispielsweise umgebaut werden zu Obdachlosen-Appartements. Es wurden kleine Baucontainer aufgestellt, um die Flüchtlinge unterzubringen. Und ich finde, es ist doch genug Platz... damit die Obdachlosen was haben, wo sie sich wohlfühlen können“ (S. 79).
Louisa, 38 Jahre (inhaftiert wegen Schwarzfahren): „Ich habe nie etwas Böses oder Kriminelles getan, obwohl ich drogenabhängig bin, habe ich nicht geklaut, nicht mal Beschaffungskriminalität nur durch Betteln. Und somit war das für mich ein großer Schock, dieses 'eingesperrt sein'“(S. 107)
Natascha, 45 Jahre: „Meine Eltern waren selbst drogensüchtig und ich bin sehr früh schon drauf gekommen. Ich habe eine Friseur-Lehre gemacht, die habe ich auch zu Ende gemacht... Eine eigene Wohnung hatte ich noch nie“ (S. 113).
Kathi, 27 Jahre: „Ich wollte immer im Zoo arbeiten, eine Ausbildung zur Tierpflegerin machen... Ich bin froh, wenn ich den Tieren helfe. Das geht nicht mal ums Kuscheln, Streicheln mit den Tieren oder so was, sondern dass ich etwas Gutes für die Tiere tun kann, denen Futter geben kann, die Gehege sauber machen kann, dass die es schön haben, obwohl die in Gefangenschaft leben“ (S. 154).
Aus dem Text des Publizisten Heribert Prantl
„... Dann muss es Hilfe geben, um dem Schicksal der Obdachlosigkeit und der Unbehaustheit, um der Armut und dem Elend zu entkommen. Das Gemeinwohl braucht den Sozialstaat und es braucht die privaten Kümmerer, es braucht auch die Stiftungen und Vereine, die dieses Kümmern organisieren...“ (S. 7).
Gratulation an all diejenigen, die dieses beachtliche Buchprojekt auf den Weg gebracht haben.
Die Autorinnen (wie im Buch vorgestellt)
Petra Metzger, geboren 1962 in Köln, studierte Kunstgeschichte und Pädagogik. Als Gründungsmitglied von Stattreisen Köln hat sie in Führungen und Seminaren die Innenstadt und zahlreiche Stadtteile erkundet. Ihre Köln-Kenntnisse nutzt sie heute vorwiegend publizistisch. Sie ist Mitglied der Arche für Obdachlose und war zeitweilig im Vorstand tätig.
Christiane Niesel, geboren 1967 in Westfalen hat in den 90er Jahren in Köln, London und Münster Geographie studiert. Sie ist Teil von sozialen Bewegungen gegen Obdachlosigkeit, für soziale Gerechtigkeit und im Naturschutz aktiv. Christiane spielt, singt und lebt ihr politisches Engagement in dem bundesweiten Musiknetzwerk Lebenslaute und in Köln in festen Bands, wie dem Menschensinfonieorchester, Jua-Reggae, Folk und in der Rockbandformation Merry Much.
Das Layout des Buches wurde von Stefan Flach von filter design sorgfältig und lesefreundlich gestaltet. Iris Stephan steuerte das Coverbild „Zuchthaus V“ bei.
Diese Veröffentlichung ist keine kommerzielle Buchproduktion. Sämtliche Einnahmen gehen nach Abzug der Kosten an den OMZ e. V.
Hier sind einige der im Buch aufgeführten weiterführenden Links
Stadtplan Köln bei Obdachlosigkeit katho-News.pdf
Obdachlose mit Zukunft OMZ e. V.
Wohnungslos in Köln
Sozialdienst katholischer Frauen e. V. - Übersicht
Sozialdienst katholischer Frauen e. V. - Notschlafstellen
Freiheitsfonds
Vision e. V - Verein für innovative Selbsthilfe
Im Jahr 2019 war Marco Jesse, der Mitbegründer des Visions e. v. zu Gast in Hans Mörtters Tango-Gottesdienst
Housing first
Externe Besprechungen
Artikel im Kölner Stadtanzeiger vom 15. Oktober 2025
Artikel in der Kölner stadtrevue vom 7. November 2025